Der langjährige Leiter des „Mariologischen Arbeitskreises Kevelaer“ (IMAK) und Mitorganisator dieses IX. Internationalen Josef-Symposions 2005 in Kevelaer, Dr. German Rovira, beginnt einen zur 150. Wiederkehr der Verkündigung des Immaculata-Dogmas in Rom gehaltenen Vortrag über „Die Familie des heiligen Josefs“ mit der Bemerkung: „Die hohe Verehrung, die Maria und Josef in der katholischen Kirche erfahren, wird nicht selten missverstanden. Viele sehen darin eine Minderung der einzigen Mittlerschaft Jesu Christi. Die Kirche hat aber immer daran festgehalten, dass Marien- und Josefsverehrung ausschließlich von Christus her begründet und erklärbar sind.“[1]
Dieser Grundsatz gilt auch, wenn wir uns nun der Gestalt des hl. Josef in den spirituellen Schriften der von Hans Urs Kardinal von Balthasar (1905-1988)[2], dessen 100. Geburtstages in diesem Jahr vielerorts gedacht wurde, geistlich begleiteten Ärztin und Mystikerin Adrienne von Speyr[3] widmen wollen. Sie wurde am 20. September 1902 in La Chaux-de-Fonds in der französisch sprechenden Schweiz als zweites Kind des Basler Augenarztes Theodor von Speyr, der dort seine Praxis hatte, und seiner Gattin Laure, geb. Girard, geboren. Ihr Lebensweg war von vielen Krankheiten, Leiden und Rückschlägen gezeichnet. Nach dem gegen den Widerstand ihrer Mutter weitgehend selbst finanzierten Medizinstudium in Basel heiratete sie – zunächst vor allem aus Mitleid mit seinen beiden kleinen Söhnen – den verwitweten Ordinarius für Geschichte Emil Dürr, der 1934 bei einem tragischen Straßenbahnunfall ums Leben kam, dann 1936 dessen Habilitanten, den später berühmt gewordenen Historiker und Burckhardt-Biographen Werner Kaegi (1901-1979). Kinder hatte sie selbst keine, aber von drei Fehlgeburten ist die Rede. Von früh auf besaß sie eine Sehnsucht nach der katholischen Glaubenswahrheit, die ihr 1940 im Alter von 37 Jahren der damalige Basler Studentenseelsorger Hans Urs von Balthasar SJ vermitteln konnte. An Allerheiligen 1940 erfolgte dann bereits die Konversion und Aufnahme in die katholische Kirche, die von einer Fülle von mystischen Gnaden begleitet war. 1945 wurde das spätere Säkularinstitut „Johannesgemeinschaft“ gegründet, was 1950 formal den Austritt Balthasars aus dem Jesuitenorden zur Folge hatte, da dieser ihm die Leitung nicht genehmigte. 1954 musste Adrienne aus Gesundheitsgründen ihre Arztpraxis aufgeben, 1958 erblindete sie und verstarb am 17. September 1967 nach langem Leiden.
Balthasars Neffe, der in Zürich residierende Churer Weihbischof Peter Henrici SJ, wies auf die Verbundenheit Balthasars mit den von ihm (im in Einsiedeln 1947 eigens dafür gegründeten „Johannes Verlag“) herausgegebenen Schriften Adrienne von Speyrs hin: „Auch sie stammen, materiell gesehen, aus der Feder Balthasars. Er hat die französischen Diktate Adriennes auf deutsch mitstenographiert und sie zur Veröffentlichung bereitgemacht.“[4] An die sechzig Bücher[5], vor allem Schriftkommentare, wurden von ihr veröffentlicht. Barbara Albrecht[6] präsentierte eine erste Untersuchung und Vorstellung der Grundgedanken Adriennes. Kurz vor seinem Tod stellte Balthasar noch eine wohl repräsentative Textsammlung[7] vor. Im September 1985 gab es in Rom ein von Papst Johannes Paul II. angeregtes wissenschaftliches Symposion „Adrienne von Speyr und ihre kirchliche Sendung“[8], zu ihrem 100. Geburtstag im Herbst 2002 veranstaltete schließlich die „Hans Urs von Balthasar-Stiftung“[9] ein solches an der Katholischen Akademie in Freiburg im Breisgau.
Das erste Buch, das der „Johannes Verlag“ 1948 von Adrienne von Speyr veröffentliche, war das schlichte Marienbuch „Magd des Herrn“[10]. Es fand nicht die gleiche kontroverse Aufmerksamkeit wie das ein Jahr zuvor unter fast demselben Titel erschienene Werk des Pallottiners Heinrich M. Köster[11], aber wurde zusammen mit ihren bald darauf publizierten Betrachtungen zum Johannesevangelium etwa von den Schriftstellern Joseph Bernhart, Elisabeth Langgässer, Reinhold Schneider und dem Münchener Dogmatiker Michael Schmaus[12] in höchsten Tönen gelobt. In diesem Anfangswerk[13] finden wir auch vor allem die Äußerungen über den uns interessierenden heiligen Josef von Nazareth. Eine weitere Textbasis bildet das zunächst zurückgehaltene und vom kirchlichen Amt noch genauer zu überprüfende Nachlasswerk „Allerheiligenbuch“[14], das inzwischen wieder über den Buchhandel erhältlich ist. In ihm eröffnet die Schilderung „Joseph“[15] eine ganze Reihe von charismatischen religiösen Porträts von Heiligen der Kirchengeschichte und bedeutenden Künstlern (behandelt werden z..B. Tintoretto, Botticelli, Michelangelo, El Greco, Shakespeare, Haydn, Mozart, Goethe, Beethoven, Kierkegaard). Wenn der hl. Josef eine solche Schar von bedeutenden Gestalten anführt, ist seine zentrale und die Tür zur Gemeinschaft der Heiligen öffnende Stellung in der Spiritualität Adrienne von Speyrs evident. Gewiss sind der Evangelist Johannes und der Gründer des Jesuitenordens, der hl. Ignatius von Loyola, für sie theologisch und was die Gründung der Gemeinschaften angeht wichtiger, doch die Verehrung des hl. Josef zusammen mit der ihm zugesellten unbefleckten Jungfrau, Gottesmutter und „Magd des Herrn“ ist offensichtlich. Adriennes ignatianische Theologie des Gehorsams[16] wird immer wieder neben dem innertrinitarischen Gehorsam und dem Gehorsam der Propheten und der Gottesmutter auf Josef verweisen. Vor allem aber am messianischen Gehorsam des menschgewordenen Sohn Gottes selbst wird dann „theologisch korrekt“ für Adriennes geistlichem Begleiter (ähnlich dem Eingangszitat German Roviras) deutlich, „wie konstitutiv Josephs Beitrag zur Vollendung der Heilsgeschichte ist.“[17]
Werfen wir nun einen Blick auf Adrienne von Speyrs Darlegungen zum hl. Josef in ihrem Marienbuch, besonders im Kapitel „Maria und Joseph“[18]. Den Beginn bildet „das Licht des Jaworts“: „Wie eine Garbe in der Mitte zusammengerafft wird und sich an ihren Enden entfaltet, so wird das Leben Marias in ihrem Jawort zusammengefasst; von ihm aus erhält es seinen Sinn und seine Gestalt und entfaltet sich nach rückwärts und nach vorwärts.“[19] In diesem Licht ihres Lebens steht zunächst verborgen und dann dennoch in die Gefahren der Welt exponiert der hl. Josef, der seinen Ort in Nazareth zwischen den späteren christlichen Ständen, dem Welt-, Räte- und Priesterstand gefunden hat. Maria lebt sogar „jenseits dieser Entscheidung; für sie ist die Entscheidung zur Ehe keine Entscheidung gegen die Jungfräulichkeit, die Entscheidung zum Weltstand keine Entscheidung gegen den Stand der Vollkommenheit.“[20] Beim hl. Josef liegen die Dinge etwas anders, denn „er war dem Gesetz der Erbsünde unterworfen, und er kann nicht anders, als den Gegensatz zwischen Ehestand und Jungfräulichkeit beachten. Die Verlobung bedeutet für ihn den Auftakt zu einer normalen irdischen Ehe. Er ist keusch und gerecht; er lebt im Sinn der Gerechtigkeit seiner Väter. Seine Keuschheit hat nichts mit der faden Impotenz zu tun, die ihm die meisten Bilder zu geben scheinen. Wenn er wird verzichten müssen, dann wird sein ganzes Manntum diesen Verzicht leisten und dadurch gerade in seiner Männlichkeit gestärkt werden. Die Stärke seines Verzichts wird ihm die Kraft geben, wachsend innerhalb seines Auftrags zu bleiben. Er wird nicht schmachtend neben Maria stehen, sondern als ein Mann, der um seine Kraft weiß, sie aber in Schlichtheit und Großmut geopfert hat. Sein Verzicht ist stark und kraftvoll bejaht und dann für immer verschwiegen.“[21] Noch klarer äußert sich Adrienne einige Sätze später: „Er hat in Freiheit und Verantwortung die Ehe gewählt, und er wird die Ehe, und nicht den Ordensstand, von Gott erhalten. Und mitten in diesem Ehestand wird Gott ihm die Enthaltsamkeit auferlegen. Er wird dazu nicht ins Kloster versetzt. Er lebt in seinem Hause mit Frau und Kind, äußerlich ununterscheidbar von allen anderen Ehemännern. Mitten in der Welt muss er sich einüben in die Enthaltsamkeit ... Er ist keusch und wird es immer bleiben ... Er ist kein Verstümmelter; er steht mit seinem ganzen Leib im Dienste Gottes. Seine Liebe zu Maria ist volle menschliche Liebe in Gott. Und wenn er zurücktreten muss vor dem Wunder des Heiligen Geistes, so wird dies für ihn Verzicht sein. Verzicht, nicht Enttäuschung, denn Enttäuschung würde Begierlichkeit voraussetzen. Aber sein Verzicht wird ihm alles vergrößert wieder schenken. Schwer wird es sein, aber nie bitter, sondern öffnend zu den Geheimnissen Gottes hin.“[22] In diesem Stil werden noch weitere Beschreibungen[23] geboten, besonders auch aus der Perspektive der Gottesmutter in ihrer Beziehung zum hl. Josef, mit dem sie viele ihrer Geheimnisse allein im Schweigen teilt, dem sie aber auch nicht alles restlos offenbart, „denn ihre Bindung an Gott ist eine tiefere als jede Bindung an einen Mann.“[24] So kann auch das Jawort Marias gegenüber dem Engel nicht mit dem Jawort Josefs gegenüber dem Engel gleichgesetzt werden: „Maria hat im Jawort an den Engel eine unbeschränkte Zusage gegeben, ohne vorher Joseph zu befragen. Sie hat damit nicht in dessen Rechte eingegriffen und nicht willkürlich über ihre beiderseitige Ehe verfügt. Gott hat verfügt, und Maria hat sich gefügt. Von der Verfügung Gottes bleibt die Ehe zwischen Maria und Joseph nicht unberührt; aber Marias Jawort hat nicht im voraus über Josephs Einstellung entschieden: er bleibt immer noch frei, dem Engel Ja oder Nein zu erwidern. Auch er wird eine persönliche Entscheidung treffen müssen. Er wird dabei, um Gottes Entscheidung bejahen zu können, zu seinen gefassten Plänen – auch zu dem der Entlassung Marias – Nein sagen müssen.“[25] Hier kommt es dann zu einer gewissen Unterordnung des hl. Josef nicht nur unter den Willen Gottes, sondern auch unter die Mutter seines Pflegesohnes: „Er wird, wenn er Ja zu Gott sagt, seine Entscheidung derjenigen Marias unterstellen: sein Gehorsam wird eingeordnet und untergeordnet ihrem Gehorsam. Gewiss bleibt auch sein Jawort unmittelbar zu Gott hin gesprochen, aber es behält trotzdem einen sekundären, nachfolgenden Charakter. Es ist umfasst und eingeschlossen vom Jawort Marias, die einschlußweise schon für ihn Ja gesagt hat.“[26] Weder Theorien einer Erbsündelosigkeit des hl. Josef (über welche sogar John Henry Newman spekulierte), noch solche einer zu seiner Braut Maria analogen heilsgeschichtlichen „Stellvertretung“ der Menschheit[27] oder des Volkes Israel durch ihn können bei Adrienne von Speyr einen Anhalt finden. Der Sachverhalt ist einfach und bescheiden, aber darum nicht weniger einleuchtend: „Der Herr will bei seiner Menschwerdung in eine Familie hineingeboren werden; es muss sich also ein Mann finden, der diesen Willen ausführt.“[28] Doch ist in dieser Ehe und Familie der Geist der Gelübde verwirklicht: „Sie leben beide seit ihrer Verlobung in einem besonderen Gehorsam zu Gott – sie hätten sonst nicht beide ihr Jawort zu ihrem einmaligen Beruf gegeben – und sie leben in der Kontemplation – sonst wäre ihnen nicht beiden der Engel erschienen. Die Regel dieses potentiellen Gelübdestandes innerhalb ihrer Ehe wird als ganze nie formuliert; sie bleibt latent und verdeutlicht sich anfangs nur von Fall zu Fall in besonderen Weisungen Gottes, um allmählich immer eindeutiger mit der Gegenwart des im Schoße der Familie heranwachsenden Gottessohnes zusammenzufallen.“[29] Das ist Adrienne nun Anlass zu einer Bemerkung über die enthaltsame „Josephsehe“ – als potentiellem Ordenstand in der Ehe – und der davon zu unterscheidenden „Johannesehe“ – als dem gelegentlichen Zusammenleben von jungfräulichen Männern und Frauen innerhalb des Ordenstandes: „Die Josephsehe, die eine wirkliche Ehe ist, lässt sich unter gewissen Umständen nachahmen; man wird sie freilich nicht ohne deutlichen Auftrag Gottes aus eigener Wahl verwirklichen, sondern als Antwort auf eine bestimmte Sendung, die Gott zwei Menschen gemeinsam auftragen kann. Eine potentielle Ehe innerhalb des Ordensstandes gibt es dagegen nicht. Maria und Johannes werden ganz in der Gnade des Kreuzes zusammengeführt, und zur Fruchtbarkeit dieser vom Herrn verfügten Gemeinschaft ist in der Kirche leibliche Nähe und Gemeinsamkeit nicht vonnöten.“[30] Wenn dagegen mit dem Blick auf die Reinheit der Mutter die Standeswahl eines jungen Mannes zwischen Räte- und Ehestand angeregt und schließlich vollzogen ist – und es ist der Ursinn der ignatianischen Exerzitien, darauf hinzuwirken – dann zeigt bei einem Weg in die Ehe „die Mutter durch ihr Leben mit Joseph, was der Sinn des christlichen Familienlebens überhaupt ist: sie zeigt, dass die Familie ihren Zweck nicht in sich selber hat, sondern den Plänen und Absichten Gottes untergeordnet bleibt“[31]. Und es folgt als praktische Zusage an den Mann in Ehe und Familie: „Auch Joseph steht ihm als der Hilfsbereite zur Seite; aber Nachfolge Josephs ist immer auch Nachfolge Marias, die für Joseph das Jawort an Gott gegeben hat. So handeln die Männer, wenn sie selbständig verfügen, immer auch im Namen ihrer Frau, und das erhöht die Verantwortung.“[32]
Was die Engelsvisionen des hl. Josef angeht, so weist Adrienne auf die „primäre Vision“ der Gottesmutter bei der Verkündigung hin. „Josephs Visionen (er sieht den Engel nur im Traum) sind hingeordnet auf seinen Auftrag an Maria und dem Kind und bleiben diesem Auftrage dienstbar. Er sieht nur, um besser ausführen zu können. Wenn er später den Engel nicht mehr schaut, so ist sein Auftrag darum nicht geringer geworden, und er selbst wird von Gott nicht fallen gelassen.“[33] Interessant ist die Beobachtung, dass es bei Maria und Josef sich um denselben Erscheinungsengel handelt: „Der Engel spricht zu Maria wie zu Joseph: in ihm haben beide an der gleichen Sendung teil, und in der Einheit dieser Sendung liegt ihre wahre Einheit und ihr wahres Sichverstehen in Gott. Einheit und Verständnis sind so groß, dass sie der unmittelbaren Verständigung im Wort enthoben sind. Der Engel ist wie der Bindestrich ihrer wahren Verbindung in Gott. Seit seiner Erscheinung sind ihre beiden Aufträge nicht mehr getrennt; sie bilden einen einzigen Auftrag in zwei Seelen, und diese Einheit der Sendung ist die tiefste, die es zwischen Menschen geben kann.“[34]
In diese Verbindung bringt Josef, dem das irdische Wohlergehen der hl. Familie anvertraut ist, die Armut mit: „das ist seine besondere Mitgift. Er hat wohl einen Beruf, aber er kann es darin nicht zum Wohlstand bringen; der beständige Wechsel des Wohnortes, das Hinausgeworfenwerden aus allen geordneten Verhältnissen hindert jede normale Entfaltung und Planung. Armut herrscht schon, bevor das Kind da ist, und der Dienst am Kind zwingt die Familie, alle äußeren Rücksichten immer wieder hintanzustellen ... In den immer neuen Anweisungen des Engels, aufzubrechen und fortzugehen, liegt immer auch die Forderung neuer Armut. Armut und Gehorsam sind einheitlich durch die gleichen Worte des Himmels begründet.“[35] So werden alle drei evangelischen Räte – Armut, Gehorsam, Keuschheit – im Zusammenleben der heiligen Familie abgebildet: „wenn Maria im besonderen den Gehorsam mitbringt, Joseph die Armut, so liegt die Keuschheit in der Verbindung beider, obwohl jeder sie schon in seiner Weise mitgebracht hat: die Mutter in ihrer restlosen Öffnung zu Gott hin, Joseph in seiner Unterstellung jeder eigenen Verfügung in der Ehe unter die Weisungen Gottes“[36]. Am Ende des Kapitels „Maria und Joseph“ erwähnt Adrienne die Verwandlung der mütterlichen Hingabe in eine bräutliche Hingabe Marias gegenüber ihrem Sohn. Als Kind braucht der Herr sie als Mutter, „später, wenn er heranwächst, braucht er sie für sein Werk – das Werk der Kontemplation und der Aktion – als die immer neu werdende Hingabe ... Bräutlich steht sie ihm zur Seite, im Hintergrund und ohne sich vorzudrängen. Es genügt, dass der Sohn weiß: sie ist da.“ Dieser Weg der Begleitung wird bis unter das Kreuz führen, aber „auf dieses höchste Amt hat Maria sich vorbereitet durch ihre Brautschaft mit Joseph“[37].
Das Bild des hl. Josef steht in den hier vorgetragenen spirituellen Texten Adrienne von Speyrs ganz im Licht seiner jungfräulichen Braut, der menschlichen Mutter des ewigen Gottessohnes. Dennoch ist seine heilsgeschichtliche Rolle einzigartig und unersetzbar. Er steht am Scheidepunkt der christlichen Stände, die er zugleich profiliert und „abschleift“ im Hinblick auf die „allgemeine Berufung zur Heiligkeit“[38]. Nur durch ihn kann der Sohn Gottes Aufnahme in einer menschlichen Familie finden, wird Maria vorbereitet auf die Brautschaft gegenüber ihrem Sohn bis hin zum Kreuz, wo er sie als neue Mutter aller Gläubigen einsetzen wird. Dass Adrienne auch eine wirkliche Zuneigung, Verehrung und verständnisvolle Liebe zum hl. Josef empfindet, vermag abschließend die folgende Charakteristik aus dem „Allerheiligenbuch“ aufzuzeigen: „Wo ihm etwas vom Sohn und seinem Heranwachsen und seiner Sendung aufgeht, nimmt er es sofort ins Gebet hinein, weil es so eng mit seinem Weg zusammenhängt, dass er es auch im Gebet wach halten muss. Er liebt und er arbeitet, und seine Hilfe ist so, dass sie nie rechnet. Seitdem der Engel mit ihm geredet hat, ist er ein für allemal beruhigt, und diese Ruhe strahlt auf alles über, was er tut. Er kennt keine Unruhe der Berechnung. Er weiß, dass er an vielen Geheimnissen teilhat, auch wenn es nicht seine Sache ist, sie zu durchforschen. Er ist ohne Neugier, der einfach Fromme ... Er kennt die Kontemplation. Schon dass er die Mutter und das Kind sieht und das, was sie eint, ist Kontemplation ... Und sein Gebet entfaltet sich, aber ganz im Sohn.“[39]
[1] G. Rovira, Die Familie des heiligen Josef, in: Sedes Sapientiae. Mariologisches Jahrbuch 9 (1/2005), 69-97, 69. Gestattet sei der Hinweis auf meinen hinführenden Artikel „Der heilige Josef als sicherer Wegweiser zur Mitte des Glaubens“ in „Mariologisches“ (Nr. 8 vom Dezember 2004, hrsg. vom "IMAK": www.imak-kevelaer.de) - er folgt mit neuem Titel im Anschluss an diesen Text. Zum "IX. Internationalen Symposion über den hl. Josef" in Kevelaer, auf dem dieser Vortrag über Adrienne von Speyr und den hl. Josef gehalten werden konnte, erschien ein Doppelband mit sämtlichen Beiträgen: J. Hattler/G. Rovira (Hg.), Die Bedeutung des hl. Josef in der Heilsgeschichte. Akten des IX. Internationalen Symposions über den hl. Josef, 25. September bis 2. Oktober 2005 in Kevelaer, 2 Bde., Kisslegg 2006.
[2] Zu ihm gibt es inzwischen eine Unmenge an Literatur. Stellvertretend erwähnt seien E. Guerriero, Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie. Freiburg i. Br. 1993; M. Lochbrunner, Hans Urs von Balthasar als Autor, Herausgeber und Verleger. Fünf Studien zu seinen Sammlungen (1942 - 1967), Würzburg 2002; W. Löser, Kleine Hinführung zu Hans Urs von Balthasar, Freiburg i. Br. 2005; S. Hartmann, Zum Gang der Balthasar-Rezeption im deutschen Sprachraum, in: FKTh 21 (2005), 48-57. Vgl. die jeweils aktualisierte Liste der Sekundärliteratur unter www.homepage.bluewin.ch/huvbslit.
[3] Zu Person und Werk vgl. H. U. von Balthasar, Erster Blick auf Adrienne von Speyr, 4. Aufl. Trier 1989; A. von Speyr, Aus meinem Leben. Fragment einer Selbstbiographie, Einsiedeln ²1984; D. Mohr, Existenz im Herzen der Kirche. Zur Theologie der Säkularinstitute in Leben und Werk Hans Urs von Balthasars, Würzburg 2000 (StSSTh 28), 43-103; www.vonspeyr.net.
[4] So die von M. Karger in der Zeitung „Die Tagespost“ (vom 12. Juli 2005) zitierte Äußerung P. Henricis an einer Tagung der Katholischen Akademie in München zum hundertsten Geburtstag Balthasars. Vgl. zur Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit Balthasars und Adriennes die „Selbstrechenschaft“: H. U. von Balthasar, Unser Auftrag. Bericht und Weisung. Neuausgabe Freiburg i. Br. 2004 (1. Ausgabe Einsiedeln 1984), sowie J. G. Roten SM, Die beiden Hälften des Mondes. Marianisch-anthropologische Dimensionen in der gemeinsamen Sendung von Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, in: K. Lehmann; W. Kasper (Hg.), Hans Urs von Balthasar. Gestalt und Werk, Köln 1989, 104-132; J. Servais, Per una valutazione dell’influsso di Adrienne von Speyr su Hans Urs von Balthasar, in: RTLu 6 (2001), 67-89.
[5] Vgl das Gesamtverzeichnis unter www.Johannes-Verlag.de.
[6] B. Albrecht, Eine Theologie des Katholischen. Einführung in das Werk Adrienne von Speyrs. Bd. 1: Durchblick in Texten, Einsiedeln 1972; Bd. 2: Darstellung, Einsiedeln 1973.
[7] A. von Speyr, Kostet und seht. Ein theologisches Lesebuch, Trier 1988.
[8] Vgl. H. U. von Balthasar, G. Chantraine, A. Scola (Hg.), Adrienne von Speyr und ihre kirchliche Sendung. Akten des Römischen Symposiums. II. Internationales Kolloquium über christliches Denken, veranstaltet von der ISTRA (Istituto di Studi per la Transizione, Mailand), Einsiedeln 1986.
[9] Vgl. Hans Urs von Balthasar-Stiftung (Hg.), Adrienne von Speyr und ihre spirituelle Theologie. Vier Referate (von A. M. Haas, M. Ouellet, P. Sequeri, G. Bätzing) anlässlich des Symposions zu ihrem 100. Geburtstag im September 2002, Freiburg i. Br. 2002.
[10] Trier ³1988 (= MdH).
[11] H. M. Köster, Die Magd des Herrn. Theologische Versuche und Überlegungen, Limburg 1947; 2. neugearbeitete Aufl. 1954. Vgl. nun meine Arbeit: Die Magd des Herrn. Zur heilsgeschichtlichen Mariologie Heinrich M. Kösters (EST 61), Regensburg 2009, sowie den Artikel auf http://www.bautz.de/bbkl/k/koester_h_ma.shtml.
[12] Vgl. die in A. von Speyr, Geburt der Kirche. Betrachtungen über Kapitel 18-21 des Johannesevangeliums, Einsiedeln 1949, 543f, veröffentlichten Urteile.
[13] Vgl. die Analyse auf dem Römischen Symposion 1985 von G. Card. Danneels, Maria, Bereitschaft und Beichthaltung, a.a.O., 90-105.
[14] A. von Speyr, Allerheiligenbuch. Nachlassband I, Einsiedeln 1966.
[15] Ebd. 35f. Adrienne schreibt den Namen immer mit ph. Wenn wir zitieren, schließen wir uns ihrer Schreibweise an.
[16] Vgl. A. von Speyr, Das Buch vom Gehorsam, Freiburg i. Br. ²1993.
[17] H.U. von Balthasar, Du hast Worte ewigen Lebens. Schriftbetrachtungen, Trier 1989, 44.
[18] MdH 59-71.
[19] Ebd. 7.
[20] Ebd. 61. Vgl. zur Standeslehre A. von Speyr, Christlicher Stand, Trier ²1987; H. U. von Balthasar, Christlicher Stand, Einsiedeln ²1981; Ch. Kaiser, Theologie der Ehe. Der Beitrag Hans Urs von Balthasars, Würzburg 1997 (StSSTh 22); A. Štrukelj, Leben aus der Fülle des Glaubens. Theologie der christlichen Stände bei Hans Urs von Balthasar, Graz Wien Köln 2002, sowie grundsätzlich B. Albrecht, Stand und Stände. Eine theologische Untersuchung, Paderborn 1962;
[21] MdH 61f.
[22] Ebd. 62f.
[23] Zu erwähnen ist hier auch die Notiz „Das Ignatianische im Leben des hl. Josef“: „Es liegt darin, dass ihm gewisse Versuchungen nicht erspart blieben. Er ist im Weltstand, lebt in seinem eigenen Haus in der Welt, aber mit einer jungfräulichen Frau. Er hat zwar eine Art Klausur, eine von Gott ihm gegebene Ordnung. Aber sein Stand ist die Ehe, in der er zugleich in die Enthaltsamkeit eingeübt wird. Er war zwar immer keusch, aber innerlich hat er sich doch auf die Ehe vorbereitet. Und er hat diese Ehe zu führen, unter Ausschaltung alles dessen, was das Triebleben eines normalen Mannes ausmacht. Er wird von Gott nicht geschont, man mutet ihm etwas zu. Er wird exponiert. Das ist das Jesuitische an ihm. (8.12.1945).“ (aus: A. von Speyr, Ignatiana. Nachlassband XI, Einsiedeln 1974, 36f).
[24] Ebd. 65.
[25] Ebd.
[26] Ebd. 65f.
[27] Vgl. C. Feckes (Hg.), Die heilsgeschichtliche Stellvertretung der Menschheit durch Maria. Ehrengabe an die Unbefleckt Empfangene von der Mariologischen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Theologen dargereicht, Paderborn 1954.
[28] AaO. 66.
[29] Ebd. 67.
[30] Ebd. 68. Hier folgt die ernste Mahnung: „Franz und Klara leben getrennt in ihren Klöstern. Es darf sich keiner, der eine kirchliche Sendung hat, etwa zur stärkeren geistigen Befruchtung seiner Sendung, von sich aus die Ergänzung beim anderen Geschlecht suchen. Nur als ein unmittelbarer Auftrag vom Kreuz her, nicht als ein allgemein zugänglicher ‚Weg der Vollkommenheit’ ist in der Kirche eine Nachfolge von Maria und Johannes denkbar. Diesen Weg aus eigenem Gutdünken beschreiten zu wollen, hieße die Versuchung als Medium der Bewährung sich wählen und damit das Augenmerk von dem unmittelbaren Dienst Gottes auf Menschliches ablenken“ (ebd.).
[31] Ebd. 191.
[32] Ebd. 192.
[33] Ebd. 68.
[34] Ebd. 69.
[35] Ebd. 70f.
[36] Ebd. 71.
[37] Ebd
[38] So formuliert das Vatikanum II, Dogmatische Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“, Kap. V.
[39] Das Allerheiligenbuch, a.a.O. (Anm. 14), 35f.